4 tenniswelt BälleBiografieDokic, Jelena

Jelena Dokic: Unbreakable

@ Random House Australia Coverrechte liegen beim genannten Verlag

Titel: Unbreakable
Autor: Jelena Dokic
ISBN-10: 0143784242
Verlag: Random House Australia
Format: Taschenbuch
Seitenanzahl: 320
Abmessung: 13cm x 20cm
Erscheinungsdatum: 29.10.2018

tenniswelt.biz Bewertung: 

„Der Gürtel ist braun, das Leder ist dick und hart. Wenn er gegen meine Haut peitscht, fühlt sich das an wie Messerstiche. Ich kenne ihn gut, diesen Gürtel. Er trägt ihn immer. Wann immer ich verliere, zieht er ihn aus.“ Zitat: Jelena Dokic

Bisher habe ich Bücher vorgestellt, die im großen und ganzen die Sonnenseite des Tennis zeigen. Natürlich ist es immer noch Leistungssport und gerade in der Kindheit und Jugend mit Qualen und Verzicht verbunden. Was allerdings Unbreakable von Jelena Dokic zum Vorschein bringt, sprengt wahrscheinlich jegliche Vorstellungskraft, wie der Weg zum Profitennis aussehen kann. Das einstige Tennis-Wunderkind erzählt hier eindrucksvoll und gleichzeitig bedrückend ihre Geschichte von körperlicher und verbaler Misshandlung.

Jelena ist 1983 in Osijek, im damaligen Jugoslawien, geboren. Die Eltern sind arm und 1994, mitten im Bürgerkrieg in Jugoslawien, emigriert die Familie nach Australien. Dort in der Hoffnung, ein besseres Leben führen zu können. Durch die immer extremer werdende Armut, die Familie ernährt sich teilweise tagelang von Brot, sieht der Vater Damir Dokic immer mehr den Weg aus der Misere in seiner Tochter Jelena. Jeden Tag sagte er zur ihr: „Du bist unser Ausweg - du musst Erfolg haben!“

Und obwohl sie seit Ihrem 6. Lebensjahr bereits von Ihrem Vater körperlich und psychisch misshandelt worden ist,  begann ihr Martyrium in Australien schließlich im Alter von 12 Jahren. Laut ihren Angaben schlug er sie mit Schuhen, peitschte sie mit einem Gürtel, trat ihr gegen das Schienbein, bespuckte sie und beschimpfte sie auf dem Trainingsplatz als „Hure“ und „Schlampe“.

Damit Dokic ist Alkoholiker. Nicht selten ruft er seine Tochter auch außerhalb des Platzes an und beschimpft sie aufs schlimmste. Selbst in den Sommermonaten bedeckt Jelena ihre Arme und Beine, damit niemand ihre Misshandlungen sehen kann. Trotz der Höllenjahre ist sie ein Wunderkind und extrem erfolgreich im Profitennis. Mit gerade einmal 16 Jahren schlägt sie in Wimbledon 1998 die damalige Titelverteidigerin Marina Hingis und schafft es bis ins Viertelfinale. Im gleichen Jahr nahm sie schließlich die australische Staatsbürgerschaft an. 1999 schaffte sie es sogar bis ins Halbfinale des prestigeträchtigsten Rasenplatzturniers der Welt. Damals ahnte fast niemand, dass der Erfolg eigentlich ein Resultat der Angst und der Panik ist zu scheitern.

 

Nach dem Schlag gegen den Kopf gehe ich zu Boden. Als ich dort liege, tritt er mich. Meine Sicht verschwimmt

 

Der Weg führte nur in eine Richtung: nach oben! Wimbledon und die Olympischen Spiele 2000 waren ihre Turniere schlechthin. Jelena erreichte jeweils das Halbfinale und als 19jährige war sie 2002 schließlich die Nummer 4 in der Welt. Beinahe ein Tennismärchen einer Teenagerin, die auf allen Belägen ihr Können eindrucksvoll zeigte: Turniersiege 2001 in Rom, Tokio und Moskau, allesamt hoch dotierte WTA Turniere. Hätte nicht dieser grausame Schatten in Form ihres Vaters über sie gestanden. Sie erzählt davon, dass wenn sie auf Turnieren schlecht (in der Augen ihres Vaters) angeschnitten hat, er sie betrunken anrief und brüllte: „ Du bist eine Schande, du kommst heute nicht nach Hause“. Mit dem Zuhause war das Hotelzimmer gemeint. Das Zimmer, was sie von ihrem Geld bezahlt hat und nun nicht betreten durfte. Mit weinender Stimme rief sie ihren Manager an sagte, sie habe keinen Ort zum Schlafen. Sie: Jelena Dokic, die Wimbledon-Halbfinalistin.

Absoluter Tiefpunkt war wahrscheinlich das Jahr 2001 als Damir Dokic einmal mehr seine Tochter mehr und mehr unter Druck gesetzt hat. Während der Spiele stürmt er betrunken den Platz, beschimpft Jelena, prügelt sich mit Journalisten und legt sich mit Schiedsrichtern an. Im selben Jahr beschuldigt er die Veranstalter der Australien Open, dass sie seine Tochter bei der Auslosung benachteiligt haben. Die damaligen Medien berichten, dass sie sich 2003 von ihrem Vater für rund 1 Millionen Dollar freikauft. 

Anschließend zieht sie sich komplett zurück, enorme Gewichtsprobleme, Selbstmordgedanken und Perspektivlosigkeit begleiten ihren Weg. 2006 kehrt sie noch einmal auf die Tour zurück. Nicht mehr mit den enormen Erfolgen aus der Vergangenheit, dennoch sollte sie als Höhepunkt bei den Australien Open 2009 noch einmal das Viertelfinale erreichen. Eine komplette Rückkehr zur alten Leistungsstärke blieb jedoch aus.

Mittlerweile lebt Damir Dokic wieder in Serbien und als er 2009 von einem Interview von seiner Tochter erfährt, in der sie sich zu den Misshandlungen durch ihn äußert, droht er, die australische Botschafterin in Belgrad mit einer Handgranate in die Luft zu sprengen. Kurz darauf wurde er schließlich festgenommen und nachdem man in seinem Haus auch noch 2 Bomben und 7 Jagdgewehre und eine Pistole fand, wurde er daraufhin zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt.

Er wollte, dass ich auf dem Platz perfekt bin

Im Herbst 2011 postete Jelena auf ihrer Website ein Statement, was viele Insider und Anhänger verwunderte. Nämlich, dass sie sich mit ihrem Vater versöhnt habe: „Mein Vater war sehr empfänglich und ich glaube, dass er sich enorm geändert hat. Er versteht, dass ich meine eigene Person bin, die eigene Entscheidungen trifft“.  Auch ihr Vater äußerte sich anschließend und stellte fest, dass „alle sehr glücklich sind und die schlechten Jahre hinter uns liegen“. Für Außenstehende blieb das Verhältnis zwischen Vater und Tochter weiterhin seltsam.

Dass Jelenas Psyche und ihre Selbstbestimmung doch nicht im Einklang waren und die langen Jahre der Tyrannei ihre Spuren hinterlassen haben, zeigte sich nochmal nach ihrem verkündeten Karriereende im Jahr 2014. Die inzwischen 31jährige Wahl-Australierin nahm über 60 Kilogramm auf insgesamt 120 Kilo zu. Ihr erspieltes Preisgeld von 5 Millionen Dollar und die Werbedeals in geschätzt gleicher Höhe schmolzen dramatisch.

Umso erstaunlicher deshalb, dass sie sich zu den Australien Open 2020 rank und schlank als Co-Kommentatorin des australischen Fernsehens präsentierte. Zuvor ließ sie 2019 ihre Twitter-Follower an ihrer Transformation teilhaben, in 18 Monaten ganze 53 Kilo abgenommen zu haben.

Ohne Zweifel wusste ich, was mich in dem Buch erwarten würde. Eine Biografie, die eine extrem hässliche Seite des Profisports zeigen würde. Eine, die alle Klischees und auch bitteren Wahrheiten der sogenannten Tennis-Wunderkinder schonungslos beschreiben würde. Leider hatten ausnahmslos alle Profispieler, deren Biografie ich gelesen habe, diese verlorene Kindheit. Dieses Buch jedoch sprengt jegliche Vorstellungskraft und beschreibt ein Martyrium, was in diesem Ausmaß einfach unvorstellbar ist. 

Die von mir gezeigten Zitate sind bei weitem nicht die schlimmsten aus Unbreakable, deshalb zum Schluss die Frage nach der Empfehlung und für wen ist es geeignet? Es öffnet definitiv die Augen über Eltern, deren Kinder zum Erfolg gedrillt werden. Eltern, deren jedes Mittel dabei recht ist. Auch wenn es natürlich eine extreme Ausnahme sein wird, Lesern bietet sich hier ein verstörendes Bild, was lange nachwirkt.

 
  • erschreckend ehrliche Biografie

 

  • momentan nur in englischer Sprache erhältlich

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.